Mit den beiden Wanderungen der Vortage in den müden Beinen habe ich vor, es heute etwas gemächlicher angehen zu lassen und - Ökotours macht's möglich - die immer noch ausstehende Begegnung mit dem Nebelwald und das vielgepriesene 5-Gänge-Menü bei Efigénia in der Bar Montaña miteinander zu verbinden.
Nachdem ich gestern den Wetterumschwung bereits auf der Passhöhe am eigenen Leib erfahren konnte, habe ich heute vorgesorgt und Wind- und Regenjacke und zusätzlich noch einen leichten Pullover in den Rucksack gepackt. Und das war auch gut so! Schon beim Aussteigen aus dem Taxi in Arure pfiff unserer sechsköpfigen Wandergruppe ein kalter wind um die Ohren und dichte Wolken kamen über die Baumwipfel vor uns gezogen. Da war er also, der vielbeschriebene Passatwind, der sich von der Nordost kommend an den Bergrücken staute und seine über dem Atlantik aufgesogene Wasserladung in den dortigen Wäldern hängen ließ.
Der Ausgangspunkt unserer Tour lag noch auf der windabgewandten Seite, wenngleich bereits in ca. 900 Metern Höhe. Hier ist die trockene Vegetation des Inselsüdens bereits in eine fruchtbare Zone mittlerer Höhe übergegangen und so wandern wir durch Obstplantagen, Felder und Weinberge. Nach einer guten halben Stunde am Rande dea Guarajonay-Nationalparks angekommen, beginnt bereits der Wald, der Anfangs hauptsächlich aus Gagelbäumen, Stechpalmen und Kiefern besteht, aber schon nach kurzer Zeit mehr und mehr von Lorbeeerbäumen dominiert wird, dem typischen Bewuchs dieser weltweit ziemlich einmaligen Vegetationszone.
Diese und eine ganze Menge interessanter Informationen mehr verdanke ich unserem Wanderführer, dem Diplom-Biologen Dieter Scriba, Inhaber und Leiter von "Öko-Tours" in La Puntilla", die diese und weitere Touren durch den Nationalpark anbieten. Kein Baum und Strauch, an dem wir vorbeikamen, zu dem Dieter während der insgesamt 4-stündigen Wanderung nicht wissenschaftlich fundiertes Hintergrundwissen zu bieten hatte.
Kaum zu glauben, wie sich die Vegatation komplett verändert, wenn man von der Südseite kommend über die Kuppe zur steil abfallenden Nordflanke der Insel gelangt. Hier macht der "Märchenwald" seinem namen alle Ehre: immer dichter und dunkler wird das Gehölz, über und über bedackt von sattgrünem Moos und Flechten, die wie Haare oder Bärte von den verdrehten Ästen herabhängen. Der Weg am Abhang führt durch hochwachsenden Farn, die Nebelschwaden ziehen durchs Unterholz, über den Baumwipfeln pfeift der wind. Aller ringsum ist klatschnass und man fühlt sich eher wie im alpinen Hochgebirge als auf afrikanischen Breitengraden. Und nur wenige hundert Meter hinter uns liegt die fast baumlose trockene Hocheben unter sengender Sonne.
Gut, dass ich ausreichend warme und wetterfeste Klamotten eingepackt habe - denn unter unseren Mitwanderern ist eine Familie aus Bayern weniger gut gerüstet aufgebrochen, hat sie sich doch an den Temperaturen der letzten Tage in Valle Gran Rey orientiert und läuft jetzt fröstelnd im T-Shirt durch Wind und Regen. Gelegentheit für mich, den St. Martin zu geben und meine überzählige Schutzkleidung anzubieten, die dankend angenomen wird. Somit wäre die gute Tat für heute auch vollbracht.
Endlich die langersehnte Einkehr in der vielgepriesenen Bar Monaña in Las Hayas. Wer hier nicht war, war nicht auf Gomera, so heißt es allenthalben. Es gibt keine Karte, nur ein Menü - also Essen oder nicht Essen. Das Menü besteht aus der gomerischen Spezialität Gofio (geröstetem Getreidemehl) und gemischtem Salat nach Art des Hauses (u. a. mit Bananen, Äpfeln, Avocados), gefolgt von Gemüseeintopf und einem Krapfen in Palmensirup.
Das Ganze inkl. Wasser und hauseigenem Wein für 10 €. Aber nicht nur das Essen und die freundliche alte Wirtin, das ganze ursprüngliche Ambiente des Hausen machen den Besuch bei Efigénia zu einer Zeitreise der ganz besonders beeindruckenden Art, der auch hie und da Prominenz anlockt - wie z. Bsp. Alt-Umweltminister Jürgen Trittin, der dem Vernehmen nach erst vor kurzem am gleichen Tisch getafelt haben soll wie unsere Wandergruppe heute. Hier scheint die Zeit in der Tat vor 50 Jahren stehen geblieben zu sein.Mehr Bilder hier >>
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