Maria Himmelfahrt – Feiertag in Spanien. Überall im Land – und natürlich auch auf den Inseln – finden Prozessionen und Feiern zu Ehren der Heiligen Jungfrau statt. So auch in Chipude, einem der kleinen Bergdörfer oberhalb des Valle Gran Rey. Die Fiesta hier ist angeblich die größte weit und breit und Tausende sollen an diesem Tag ins Dorf strömen, wiewohl die Fiesta bereits vor zwei Tagen begonnen hat und noch das Wochenende über weiter gehen soll. Heute, an Freitag, soll das Programm am Vormittag ("de la mañana") losgehen. Laut Reiseführer ist Folklore zu erwarten, Trachten- und Musikgruppen, Kostüme, Musik, Orchester.
Was ich zu sehen und zu hören bekomme, als ich gegen 10.30h ins Dorf einrolle, sind eine Handvoll Besoffener, die zur Musik einer Rhythmusgruppe – in ohrenbetäubender Lautstärke aus einer riesigen Lautsprechenrwand dröhnend, auf dem ansonsten leeren Dorfplatz das letzte Tanzbein der vergangenen Nacht schwingen. Tapfer halten sie sich mehr an ihren Gläsern und Flaschen fest als auf Ihren Beinen. Trotz ihres Alkoholpegels geben sie sich aber große Mühe, noch ein paar ansehnliche Tanzschritte zusammen zu bringen und sich den wenigen anwesenden Señioras und Señoritas als formvollendete Kavaliere zu präsentieren. Die Szenerie ist irgendwie mehr rührend als alles andere und entbehrt in ihrer gelassenen Fröhlichkeit nicht an Charme und einer eigenartigen Würde. Ein aufrechter Gomera hält sich auch nach einer komplett durchzechten und durchtanzten Nacht noch anständig und stilvoll. Vor allem an einem Feiertag auf dem Kirchplatz.
Sollte die Ankündigung der heutigen Fiesta eine Fehlinformation gewesen sein oder bin ich einfach zu früh dran? "Mañana" kann bekanntlich viel heißen. Ich suche mir ein ruhiges Eckchen und beschließe, abzuwarten, wie sich das hier weiter entwickelt. Schließlich habe ich es nicht eilig, der ganze Tag liegt noch vor mir. Dank meiner genialen Idee, heute früh mit dem ersten Bus hier hoch zu fahren und dabei mein Leih-Velo mitzunehmen, bin ich ja unabhängig von Fahrplänen und öffentlichen Verkehrsmitteln. Da hätte ich sowieso Pech: fahren wochentags jeweils 4 Busse im Laufe des Tages jeweils in beide Richtungen quer über die Insel, so sind es an Sonn- und Feiertagen nur zwei. Wäre ich also auf den Bus angewiesen, käme ich frühestens um 18.30h wieder von hier weg. Und auch nicht von hier, genaugenommen, denn der Bus kommt während der Fiesta-Tage gar nicht durch Chipude, dafür ist es zu eng und zu voll. Ich müsste bis auf die "Carretera dorsal", die Hauptverbindungsstraße auf den Berg hinauflaufen - ein Fußmarsch von mindestens ein bis eineinhalb Stunden. Mit dem Fahrrad geht es dagegen praktisch nur noch bergab – und das, wann immer ich will! "Subba Baby!"
Im Laufe der Zeit belebt sich der Patz um die Kirche mehr und mehr, die Band hat aufgehört zu spielen, die Tänzer ziehen sich zurück. Irgendwann ertönt aus den Lautsprechern statt "Cumbia" und "Ballenato" eine Sprech- und Singprobe des Pfarrers. Hört sich an, als wolle er seinen Schäfchen den Refrain eines Kirchenliedes beibringen. Zu sehen ist aber niemand. Nach einer Weile mache ich einen kleinen Rundgang und sehe, dass die Kirche mitlerweile bis auf den letzten Platz gefüllt ist, ja, sich die Menschen an den Eingängen stauen, und die Messe bereits seit einiger Zeit gelesen wird. Aha, bald geht also was ab hier. Ich vermute nämlich, dass die Messe damit endet, dass man die große Marienstatue aus der Kirche hinausbringt, um sie auf dem dort wartenden Gestell als Teil einer Prozession durch die Gegend schieben wird, irgend was in der Art.
Und so ist es denn auch. Allerdings zieht sich die Messe noch gut eineinhalb Stunden, während derer sich der Dorfplatz zusehends füllt – immer mehr Menschen aus der näheren und weiteren Umgebung finden sich ein. Alt und jung, feiertagsmäßig aufgebrezelt, leger oder verführerisch. Sehen und gesehen werden, entfernte Verwandte und alte Freunde treffen oder neue Bekanntschaften schließen – das Alter setzt die Prioritäten. Ein munteres Treiben rund um die Kirche, die Frömmigkeit scheint sich in Grenzen zu halten, der "soziale Aspekt" der Fiesta steht eindeutig im Vordergrund. Endlich mal wieder was los halt …Dann ist es soweit – die Jungfrau kommt. In einem riesigen Holzgestell wird sie aus der Kirche getragen und auf den Wagen gestellt. Jetzt gruppieren sich Männer und Frauen vor der Marienstatue, teils mit Kastagnetten, teils mit Trommels, und es setzt eine musiklische Untermalung in schnellem Rhythmus ein – unterstützt durch die drei kleinen Kirchenglocken, die im gleichen Takt geschlagen werden. Ein gespenstischer Sound, auf Dauer nicht ohne eine gewisse hypotische Wirkung – am ehesten erinnert mich das an die die typischen Rhythmen der Trommler und "Pfyffer" beim Basler Morgestraich.
Der Zug setzt sich langsam in Gang, wobei diejenigen, die der Marienstatue vorausgehen, sich im Takt der Klänge in einem eigentümlichen Tanzschritt um die eigene Achse drehend vorwärts bewegen. Der ganze Spektakel hat was, ein gewisses Gänsehautpotenzial inbegriffen. Ich knips aus der Hüfte, was geht und lasse mich ein wenig gefangen nehmen von dem Ambiente. Aber irgendwann ist genug. Habe schon zu lange in der Mittagssonne gewartet, inzwischen ist es nach zwei und auf mich wartet die Talabfahrt mit meinem alten Göppel sowie eine kleine Einkaufstour in Valle, Kofferpacken, Abendessen usw. Zu spät will ich es nicht werden lassen. Also los, Fahrradschloss vom Geländer abmachen und ab geht's. Aber wo ist der Schlüssel vom Fahrradschloss?
Ich mache es kurz: ich habe ihn verloren! Alles Suchen half nichts, der Schlüssel war weg. Und das Schloss, so alt es war, hielt das Fahrrad diebstahlsicher an das Stahlgeländer gekettet. In der darauf folgenden Stunde habe ich so alles versucht, was mir eingefallen ist, um von hier weg zu kommen – mit Fahrrad oder ohne! Die schlimmste Option wäre gewesen, den ganzen Nachmittag hier zu warten, dann zur Hauptstraße hochzulaufen und mit dem Abendbus zurück zu fahren. Aber so wollte ich die Zeit nicht vertrödeln, das wäre zu spät geworden, und für den Rücktransport des Rades hätte mir "Alofi" sicher ein kleines Vermögen abgeknöpft - auf jeden Fall wäre ich meine 50 € Kaution los gewesen, denn vor Ladenschluss hätte ich es sowieso nicht mehr bis nach Vueltas geschafft.Alternativen: Schlüssel suchen! Aber das war aussichtslos. Da wo ich die längste Zeit gesessen hatte, war er nicht, dafür ein Haufen anderer Leute, aber alle haben sie keinen Schlüssel gesehen. Wie wäre es mit einer Lautsprecherdurchsage? Gute Idee, die Band war bereits wieder auf der Bühne, als mal fragen. Eine Durchsage können sie machen – allerdings erst nach Ende der Prozession, so ab 3h etwa. Also gut, aber inzwischen einfach warten? Nö, da muss doch noch was gehen
Schloss knacken? Viel zu solides Stahlseil, dazu hätte ich eine große Drahtschere oder eine Eisensäge gebraucht. Also gefragt in allen Bars am Platz – Fehlanzeige: "no tenemos" (haben wir nicht). Also, bleibt nur Alofi anrufen, damit er ein Taxi mit einem Ersatzschlüssel hochschickt? Aber bei Fahrradverleiher Alofi geht keiner ran. Der macht ja auch erst um 17h wieder auf. Also von hier aus ein Taxi nach Valle nehmen, damit ich wenigstens rechtzeitig zum Kofferpacken unten bin, und das Fahrrad im Kofferraum mitnehmen – gute Idee! An einer Bar hängt ein "Taxi"-Schild. Aber alles was ich dort bekomme, ist eine Telefonnummer auf einem Zettel und sehr skeptische Blicke und Gesten, was meine möglichen Erfolgsaussichten engeht: "Ein Taxi? Heute, hier oben?" Wohl eher aussichtsloses Unterfangen …Also doch irgendwie versuchen, das Schloss aufzukriegen? Müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich den Sch…göppel nicht irgendwie von diesem Geländer los bekäme. Alles Reißen und Rütteln nützt aber nix. Das alte Seilschloss hält bombenfest. Hier muss Werkzeug her, aber wo? Die Autowerkstatt am Ort ist einsam und verlassen. Also bleibt mir nur noch, einem der Polizisten, die den Verkehr regeln, mein Leid vorzutragen. Ob er wohl einen Tipp hätte, wo ich passendes schweres Gerät herbekommen könnte. Stirnrunzeln, Nachdenken, Umherblicken. Immerhin scheint er mich ernst zu nehmen und ein Funken menschliche Anteilnahme und gomerische Hilfsbereitschaft gewinnen die Oberhand über eventuell vorhandenen Beamten-Hochmut oder amtliches Desinteresse.
Er weiß zwar auch nicht, wo ich eine große Drahtschere oder Eisensäge herbekommen könnte, bittet mich aber auf die Kollegen zu warten, die gleich wieder kämen. Sie hätten Werkzeug im Auto, vielleicht wäre was dabei. Was bleibt mir übrig, also warte ich. Kurz darauf trifft die Verstärkung ein und mein freundlicher Wachtmeister von der Policia local kramt eine Werkzeugkiste aus dem Kofferraum des Streifenwagens und zaubert daraus einen Seitenschneider hervor. Ich bin skeptisch, ob damit was auszurichten ist. Ich bekomme die Zange einfach so mit ("aber zurückbringen!") und zottele ab damit ins Dorf.
Das Fahrradschloss besteht aus einem Kunststoff-umwickelten Stahlseil einfacher Bauart. Also probieren, das Stahlseil freizulegen und Litze um Litze einzeln durchzukneifen. Und tatsächlich, es sieht so so aus, als hätte diese Strategie Erfolg. Gemeinsam sind sie stark, aber einzeln sind sie zu knacken: Draht um Draht bekomme ich durch schneiden, quetschen und verdrehen durch, und irgendwann ist aller Widerstand zwecklos und das Stahlseil ist gekappt. Ha! Gewonnen! Ich kann es kaum fassen: die Eigeninitiative hat zum Erfolg geführt – einmal mehr. Ich hatte meine Freiheit und meine Beweglichkeit wiedergewonnen und nichts hielt mich mehr an diesem Fleck.
So hat mir also die Polizei von Chipude geholfen, ein Fahrradschloss zu knacken. Ohne genaues Nachfragen, ohne zu kontrollieren, dass es auch wirklich MEIN Fahrrad ist und mir dazu – ohne Pfand – und ohne Umstände auch noch deren eigenes Werkzeug ausgeliehen. Einfach so, auf mein Wort und meinen ehrlichen Eindruck hin. Wäre so was bei uns denkbar? Dank an den hilfsbereiten Dorfsheriff von Chipude (dessen namen ich leider nicht weiß), der mit durch seine Großzügigkeit den Tag gerettet hat.
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