Samstag, 16. August 2008

16.8. Rückreise: Abschied vom Paradies der Glückseligen

Dies schreibe ich bereits auf der Heimreise – allerdings noch mehr "dort" als schon wieder "hier", auf der Olsen-Fähre von San Sebastián nach Los Christianos. Und, Wunder über Wunder – ich habe sogar Netzanschluss. Mein MacBook findet (noch im Hafen auf Gomera) einen Hotspot namens "tsunamie" und loggt sich, mangels verschlüsselten Zugangs direkt ein. Ob das ein Service der Reederei ist oder nur die Unbekümmertheit eines mitreisenden weiteren Notebook-Besitzers?

Das also wars gewesen – zwei Wochen Urlaub auf der "Insel der Glückseligen" im Archipel des "ewigen Frühlings". Schön war's (wie Urlaub eigentlich immer ist, egal wo). Soll ich jetzt dem "verloren Paradies" nachweinen, mit Wehmut zurückblicken, bedauern, nicht länger oder gar für immer hier bleiben zu dürfen? Mmmh, eigentlich nein. Irgendwie ist mir gar nicht nach so viel Rührseligkeit. Auch wenn ich ja heimlich immer ein wenig nach einem möglichen Plätzchen Ausschau halte, an das ich mich auf meine alten Tage zurück ziehen könnte – all zu weit weg sind diese Tage ja auch nicht mehr. Aber ob es Gomera sein könnte? Weiß nicht?

Überhaupt, jetzt geht es erst mal heim und dann kommt wieder Alltag. Schluss mit Ferien, Schluss mit den täglichen "Gomera08"-Posts. Ende, aus. Dieser Blog bleibt erstmal im Netz und Kommentare sind willkommen – falls sich ja mal jemand auf diese Seiten verirren sollte. Weiter wird hier aber nix mehr passieren. In diesem Sinne: "Hasta luego" oder wie auch immer.

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15.8. Fiesta in Chipude: die Señora, die Säufer und der Sheriff

Maria Himmelfahrt – Feiertag in Spanien. Überall im Land – und natürlich auch auf den Inseln – finden Prozessionen und Feiern zu Ehren der Heiligen Jungfrau statt. So auch in Chipude, einem der kleinen Bergdörfer oberhalb des Valle Gran Rey. Die Fiesta hier ist angeblich die größte weit und breit und Tausende sollen an diesem Tag ins Dorf strömen, wiewohl die Fiesta bereits vor zwei Tagen begonnen hat und noch das Wochenende über weiter gehen soll. Heute, an Freitag, soll das Programm am Vormittag ("de la mañana") losgehen. Laut Reiseführer ist Folklore zu erwarten, Trachten- und Musikgruppen, Kostüme, Musik, Orchester.

Was ich zu sehen und zu hören bekomme, als ich gegen 10.30h ins Dorf einrolle, sind eine Handvoll Besoffener, die zur Musik einer Rhythmusgruppe – in ohrenbetäubender Lautstärke aus einer riesigen Lautsprechenrwand dröhnend, auf dem ansonsten leeren Dorfplatz das letzte Tanzbein der vergangenen Nacht schwingen. Tapfer halten sie sich mehr an ihren Gläsern und Flaschen fest als auf Ihren Beinen. Trotz ihres Alkoholpegels geben sie sich aber große Mühe, noch ein paar ansehnliche Tanzschritte zusammen zu bringen und sich den wenigen anwesenden Señioras und Señoritas als formvollendete Kavaliere zu präsentieren. Die Szenerie ist irgendwie mehr rührend als alles andere und entbehrt in ihrer gelassenen Fröhlichkeit nicht an Charme und einer eigenartigen Würde. Ein aufrechter Gomera hält sich auch nach einer komplett durchzechten und durchtanzten Nacht noch anständig und stilvoll. Vor allem an einem Feiertag auf dem Kirchplatz.

Sollte die Ankündigung der heutigen Fiesta eine Fehlinformation gewesen sein oder bin ich einfach zu früh dran? "Mañana" kann bekanntlich viel heißen. Ich suche mir ein ruhiges Eckchen und beschließe, abzuwarten, wie sich das hier weiter entwickelt. Schließlich habe ich es nicht eilig, der ganze Tag liegt noch vor mir. Dank meiner genialen Idee, heute früh mit dem ersten Bus hier hoch zu fahren und dabei mein Leih-Velo mitzunehmen, bin ich ja unabhängig von Fahrplänen und öffentlichen Verkehrsmitteln. Da hätte ich sowieso Pech: fahren wochentags jeweils 4 Busse im Laufe des Tages jeweils in beide Richtungen quer über die Insel, so sind es an Sonn- und Feiertagen nur zwei. Wäre ich also auf den Bus angewiesen, käme ich frühestens um 18.30h wieder von hier weg. Und auch nicht von hier, genaugenommen, denn der Bus kommt während der Fiesta-Tage gar nicht durch Chipude, dafür ist es zu eng und zu voll. Ich müsste bis auf die "Carretera dorsal", die Hauptverbindungsstraße auf den Berg hinauflaufen - ein Fußmarsch von mindestens ein bis eineinhalb Stunden. Mit dem Fahrrad geht es dagegen praktisch nur noch bergab – und das, wann immer ich will! "Subba Baby!"

Im Laufe der Zeit belebt sich der Patz um die Kirche mehr und mehr, die Band hat aufgehört zu spielen, die Tänzer ziehen sich zurück. Irgendwann ertönt aus den Lautsprechern statt "Cumbia" und "Ballenato" eine Sprech- und Singprobe des Pfarrers. Hört sich an, als wolle er seinen Schäfchen den Refrain eines Kirchenliedes beibringen. Zu sehen ist aber niemand. Nach einer Weile mache ich einen kleinen Rundgang und sehe, dass die Kirche mitlerweile bis auf den letzten Platz gefüllt ist, ja, sich die Menschen an den Eingängen stauen, und die Messe bereits seit einiger Zeit gelesen wird. Aha, bald geht also was ab hier. Ich vermute nämlich, dass die Messe damit endet, dass man die große Marienstatue aus der Kirche hinausbringt, um sie auf dem dort wartenden Gestell als Teil einer Prozession durch die Gegend schieben wird, irgend was in der Art.

Und so ist es denn auch. Allerdings zieht sich die Messe noch gut eineinhalb Stunden, während derer sich der Dorfplatz zusehends füllt – immer mehr Menschen aus der näheren und weiteren Umgebung finden sich ein. Alt und jung, feiertagsmäßig aufgebrezelt, leger oder verführerisch. Sehen und gesehen werden, entfernte Verwandte und alte Freunde treffen oder neue Bekanntschaften schließen – das Alter setzt die Prioritäten. Ein munteres Treiben rund um die Kirche, die Frömmigkeit scheint sich in Grenzen zu halten, der "soziale Aspekt" der Fiesta steht eindeutig im Vordergrund. Endlich mal wieder was los halt …

Dann ist es soweit – die Jungfrau kommt. In einem riesigen Holzgestell wird sie aus der Kirche getragen und auf den Wagen gestellt. Jetzt gruppieren sich Männer und Frauen vor der Marienstatue, teils mit Kastagnetten, teils mit Trommels, und es setzt eine musiklische Untermalung in schnellem Rhythmus ein – unterstützt durch die drei kleinen Kirchenglocken, die im gleichen Takt geschlagen werden. Ein gespenstischer Sound, auf Dauer nicht ohne eine gewisse hypotische Wirkung – am ehesten erinnert mich das an die die typischen Rhythmen der Trommler und "Pfyffer" beim Basler Morgestraich.

Der Zug setzt sich langsam in Gang, wobei diejenigen, die der Marienstatue vorausgehen, sich im Takt der Klänge in einem eigentümlichen Tanzschritt um die eigene Achse drehend vorwärts bewegen. Der ganze Spektakel hat was, ein gewisses Gänsehautpotenzial inbegriffen. Ich knips aus der Hüfte, was geht und lasse mich ein wenig gefangen nehmen von dem Ambiente. Aber irgendwann ist genug. Habe schon zu lange in der Mittagssonne gewartet, inzwischen ist es nach zwei und auf mich wartet die Talabfahrt mit meinem alten Göppel sowie eine kleine Einkaufstour in Valle, Kofferpacken, Abendessen usw. Zu spät will ich es nicht werden lassen. Also los, Fahrradschloss vom Geländer abmachen und ab geht's. Aber wo ist der Schlüssel vom Fahrradschloss?

Ich mache es kurz: ich habe ihn verloren! Alles Suchen half nichts, der Schlüssel war weg. Und das Schloss, so alt es war, hielt das Fahrrad diebstahlsicher an das Stahlgeländer gekettet. In der darauf folgenden Stunde habe ich so alles versucht, was mir eingefallen ist, um von hier weg zu kommen – mit Fahrrad oder ohne! Die schlimmste Option wäre gewesen, den ganzen Nachmittag hier zu warten, dann zur Hauptstraße hochzulaufen und mit dem Abendbus zurück zu fahren. Aber so wollte ich die Zeit nicht vertrödeln, das wäre zu spät geworden, und für den Rücktransport des Rades hätte mir "Alofi" sicher ein kleines Vermögen abgeknöpft - auf jeden Fall wäre ich meine 50 € Kaution los gewesen, denn vor Ladenschluss hätte ich es sowieso nicht mehr bis nach Vueltas geschafft.

Alternativen: Schlüssel suchen! Aber das war aussichtslos. Da wo ich die längste Zeit gesessen hatte, war er nicht, dafür ein Haufen anderer Leute, aber alle haben sie keinen Schlüssel gesehen. Wie wäre es mit einer Lautsprecherdurchsage? Gute Idee, die Band war bereits wieder auf der Bühne, als mal fragen. Eine Durchsage können sie machen – allerdings erst nach Ende der Prozession, so ab 3h etwa. Also gut, aber inzwischen einfach warten? Nö, da muss doch noch was gehen

Schloss knacken? Viel zu solides Stahlseil, dazu hätte ich eine große Drahtschere oder eine Eisensäge gebraucht. Also gefragt in allen Bars am Platz – Fehlanzeige: "no tenemos" (haben wir nicht). Also, bleibt nur Alofi anrufen, damit er ein Taxi mit einem Ersatzschlüssel hochschickt? Aber bei Fahrradverleiher Alofi geht keiner ran. Der macht ja auch erst um 17h wieder auf. Also von hier aus ein Taxi nach Valle nehmen, damit ich wenigstens rechtzeitig zum Kofferpacken unten bin, und das Fahrrad im Kofferraum mitnehmen – gute Idee! An einer Bar hängt ein "Taxi"-Schild. Aber alles was ich dort bekomme, ist eine Telefonnummer auf einem Zettel und sehr skeptische Blicke und Gesten, was meine möglichen Erfolgsaussichten engeht: "Ein Taxi? Heute, hier oben?" Wohl eher aussichtsloses Unterfangen …

Also doch irgendwie versuchen, das Schloss aufzukriegen? Müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich den Sch…göppel nicht irgendwie von diesem Geländer los bekäme. Alles Reißen und Rütteln nützt aber nix. Das alte Seilschloss hält bombenfest. Hier muss Werkzeug her, aber wo? Die Autowerkstatt am Ort ist einsam und verlassen. Also bleibt mir nur noch, einem der Polizisten, die den Verkehr regeln, mein Leid vorzutragen. Ob er wohl einen Tipp hätte, wo ich passendes schweres Gerät herbekommen könnte. Stirnrunzeln, Nachdenken, Umherblicken. Immerhin scheint er mich ernst zu nehmen und ein Funken menschliche Anteilnahme und gomerische Hilfsbereitschaft gewinnen die Oberhand über eventuell vorhandenen Beamten-Hochmut oder amtliches Desinteresse.

Er weiß zwar auch nicht, wo ich eine große Drahtschere oder Eisensäge herbekommen könnte, bittet mich aber auf die Kollegen zu warten, die gleich wieder kämen. Sie hätten Werkzeug im Auto, vielleicht wäre was dabei. Was bleibt mir übrig, also warte ich. Kurz darauf trifft die Verstärkung ein und mein freundlicher Wachtmeister von der Policia local kramt eine Werkzeugkiste aus dem Kofferraum des Streifenwagens und zaubert daraus einen Seitenschneider hervor. Ich bin skeptisch, ob damit was auszurichten ist. Ich bekomme die Zange einfach so mit ("aber zurückbringen!") und zottele ab damit ins Dorf.

Das Fahrradschloss besteht aus einem Kunststoff-umwickelten Stahlseil einfacher Bauart. Also probieren, das Stahlseil freizulegen und Litze um Litze einzeln durchzukneifen. Und tatsächlich, es sieht so so aus, als hätte diese Strategie Erfolg. Gemeinsam sind sie stark, aber einzeln sind sie zu knacken: Draht um Draht bekomme ich durch schneiden, quetschen und verdrehen durch, und irgendwann ist aller Widerstand zwecklos und das Stahlseil ist gekappt. Ha! Gewonnen! Ich kann es kaum fassen: die Eigeninitiative hat zum Erfolg geführt – einmal mehr. Ich hatte meine Freiheit und meine Beweglichkeit wiedergewonnen und nichts hielt mich mehr an diesem Fleck.

So hat mir also die Polizei von Chipude geholfen, ein Fahrradschloss zu knacken. Ohne genaues Nachfragen, ohne zu kontrollieren, dass es auch wirklich MEIN Fahrrad ist und mir dazu – ohne Pfand – und ohne Umstände auch noch deren eigenes Werkzeug ausgeliehen. Einfach so, auf mein Wort und meinen ehrlichen Eindruck hin. Wäre so was bei uns denkbar? Dank an den hilfsbereiten Dorfsheriff von Chipude (dessen namen ich leider nicht weiß), der mit durch seine Großzügigkeit den Tag gerettet hat.

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Donnerstag, 14. August 2008

14.8. Ruhetag

Der Wetterumschwung halt an und schlägt heute sogar bis an die Südküste durch: eine dichte Wolkendecke über Valle Gran Rey, die sich erst gegen Abend auflöst. Herrlich - einmal keine brennende Sonne, kühle Luft, ab und an leichtes Nieseln. Für die Freiburger (gestern 12 Grad und Regen, wie man hört) mag es wie Hohn klingen, aber hier ist dieses Wetter eine willkommene Abwechslung.

Für heute kein Programm, ein bisschen "Bloggen", ein paar Erledigungen, den neuen "Valle-Boten" lesen, ausschlafen. Morgen letzter Tag auf Gomera: Fiesta in Chipude.

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13.8. Die Märchenwald-Tour: kalter Wind und warme Suppe

Mit den beiden Wanderungen der Vortage in den müden Beinen habe ich vor, es heute etwas gemächlicher angehen zu lassen und - Ökotours macht's möglich - die immer noch ausstehende Begegnung mit dem Nebelwald und das vielgepriesene 5-Gänge-Menü bei Efigénia in der Bar Montaña miteinander zu verbinden.

Nachdem ich gestern den Wetterumschwung bereits auf der Passhöhe am eigenen Leib erfahren konnte, habe ich heute vorgesorgt und Wind- und Regenjacke und zusätzlich noch einen leichten Pullover in den Rucksack gepackt. Und das war auch gut so! Schon beim Aussteigen aus dem Taxi in Arure pfiff unserer sechsköpfigen Wandergruppe ein kalter wind um die Ohren und dichte Wolken kamen über die Baumwipfel vor uns gezogen. Da war er also, der vielbeschriebene Passatwind, der sich von der Nordost kommend an den Bergrücken staute und seine über dem Atlantik aufgesogene Wasserladung in den dortigen Wäldern hängen ließ.

Der Ausgangspunkt unserer Tour lag noch auf der windabgewandten Seite, wenngleich bereits in ca. 900 Metern Höhe. Hier ist die trockene Vegetation des Inselsüdens bereits in eine fruchtbare Zone mittlerer Höhe übergegangen und so wandern wir durch Obstplantagen, Felder und Weinberge. Nach einer guten halben Stunde am Rande dea Guarajonay-Nationalparks angekommen, beginnt bereits der Wald, der Anfangs hauptsächlich aus Gagelbäumen, Stechpalmen und Kiefern besteht, aber schon nach kurzer Zeit mehr und mehr von Lorbeeerbäumen dominiert wird, dem typischen Bewuchs dieser weltweit ziemlich einmaligen Vegetationszone.

Diese und eine ganze Menge interessanter Informationen mehr verdanke ich unserem Wanderführer, dem Diplom-Biologen Dieter Scriba, Inhaber und Leiter von "Öko-Tours" in La Puntilla", die diese und weitere Touren durch den Nationalpark anbieten. Kein Baum und Strauch, an dem wir vorbeikamen, zu dem Dieter während der insgesamt 4-stündigen Wanderung nicht wissenschaftlich fundiertes Hintergrundwissen zu bieten hatte.

Kaum zu glauben, wie sich die Vegatation komplett verändert, wenn man von der Südseite kommend über die Kuppe zur steil abfallenden Nordflanke der Insel gelangt. Hier macht der "Märchenwald" seinem namen alle Ehre: immer dichter und dunkler wird das Gehölz, über und über bedackt von sattgrünem Moos und Flechten, die wie Haare oder Bärte von den verdrehten Ästen herabhängen. Der Weg am Abhang führt durch hochwachsenden Farn, die Nebelschwaden ziehen durchs Unterholz, über den Baumwipfeln pfeift der wind. Aller ringsum ist klatschnass und man fühlt sich eher wie im alpinen Hochgebirge als auf afrikanischen Breitengraden. Und nur wenige hundert Meter hinter uns liegt die fast baumlose trockene Hocheben unter sengender Sonne.

Gut, dass ich ausreichend warme und wetterfeste Klamotten eingepackt habe - denn unter unseren Mitwanderern ist eine Familie aus Bayern weniger gut gerüstet aufgebrochen, hat sie sich doch an den Temperaturen der letzten Tage in Valle Gran Rey orientiert und läuft jetzt fröstelnd im T-Shirt durch Wind und Regen. Gelegentheit für mich, den St. Martin zu geben und meine überzählige Schutzkleidung anzubieten, die dankend angenomen wird. Somit wäre die gute Tat für heute auch vollbracht.

Endlich die langersehnte Einkehr in der vielgepriesenen Bar Monaña in Las Hayas. Wer hier nicht war, war nicht auf Gomera, so heißt es allenthalben. Es gibt keine Karte, nur ein Menü - also Essen oder nicht Essen. Das Menü besteht aus der gomerischen Spezialität Gofio (geröstetem Getreidemehl) und gemischtem Salat nach Art des Hauses (u. a. mit Bananen, Äpfeln, Avocados), gefolgt von Gemüseeintopf und einem Krapfen in Palmensirup.

Das Ganze inkl. Wasser und hauseigenem Wein für 10 €. Aber nicht nur das Essen und die freundliche alte Wirtin, das ganze ursprüngliche Ambiente des Hausen machen den Besuch bei Efigénia zu einer Zeitreise der ganz besonders beeindruckenden Art, der auch hie und da Prominenz anlockt - wie z. Bsp. Alt-Umweltminister Jürgen Trittin, der dem Vernehmen nach erst vor kurzem am gleichen Tisch getafelt haben soll wie unsere Wandergruppe heute. Hier scheint die Zeit in der Tat vor 50 Jahren stehen geblieben zu sein.

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Dienstag, 12. August 2008

12.8. Die Talwanderung: Bergab geht's leichter …

Heute geht's umgekehrt: hinauf mit dem Bus, hinunter auf Schusters Rappen - man muss sich ja nicht jeden Tag quälen, oder. Angepeilt ist die Wandertour vom "Roque de Agando" durch den "Barranco de Benchijigua" hinunter nach Playa Santiago. Von dort zurück nach Valle mit der Fähre, dem "Garajonay-Exprés".

Überraschung - die selbe Busfahrerin wie gestern nimmt uns um kurz nach 8h im Ortsteil "La Puntilla" auf und bringt uns hinauf in den Nebelwald. Der hat heute seinen Namen wirklich verdient: wie im Gomera-Prospekt wabert es über die Lorbeerbäume und von ganz oben hat man den super Blick über die ganze Wolkenschicht hinüber nach Teneriffa, wovon man "nur" den riesigen Kegel des "Pico de Teide" aus Wolkenmeer aufragen sieht. Die Wetterprognose bestätigt sich also. Ebenso die Warnung aller Wanderführer und Reiseleiter, bei Ausflügen in die Berge grundsätzlich eine warme, zumindest winddichte Jacke mitzunehmen. Habe ich meine Wind- und Regenjacke die letzten Tage immer umsonst im Rucksack mitgeschleppt (und wg. "Calima" doch nie gebraucht), habe ich sie ausgerechnet heute zu Hause gelassen.

Ein Fehler, wie sich nach dem Aussteigen an der Kreuzung "Cruze de Zarcita" zeigt. Hier pfeift ein kühler Wind von Nordwesten über den Höhenkamm; da bleibt nur, schon mal das Ersatzhemd überzuziehen, das ich mir als Austausch für das später durchgeschwitzte Leibchen eingepackt habe. Aber kein Problem: der Wind lässt nach, kaum, dass man am Roque de Agando" den Weg in das tiefer gelegene Tal antritt. Der "Roque de Agando", einer von vielen Roques (Felsen), typische Wahrzeichen Gomeras. Allesamt in ihren Schloten erkaltete Lavapfropfen, die Millionen Jahre Erosion überstanden haben - anders als das Erdreich rundherum, das von Regen, Wind und Wetter komplett abgetragen wurde und verschwunden ist. Die ganze Insel, ein einziger geologischer Themenpark, gewisser Maßen. Sehr imposant anzusehen, und alles echt!

Ich mach's kurz: eine schöne Tour! Mal wieder ganz was anderes (nicht nur, weil bergab ;-), andere Vegatation (grüner), anderes Tal (flacher, weniger schroff), andere Eindrücke. Und ein verlassenes Bergdorf: Benchijigua - eigentlich, nicht mehr als vier, fünf Häuser (darunter die ehemalige Ortskneipe und die obligatorische Kapelle) - alles verlassen. Ringsum nur Ruhe und imposante Landschaft! (Während ich das schreibe, grölen draußen wieder die spanischen Nachbarn beim Minigolf, grrrrr).

Im weiteren Verlauf des Tales führt der Weg sanft bergab, entlang der Talflanke bis er schließlich auf dem Grund des Barranquos im - natürlich furztrockenen - Bachbett verläuft. Wasser gibt es trotzdem, Endlose Leitungen bringen das Nass aus Sammelbecken in den Bergen zu den Feldern und Gärten im Tal, wo es reichlich grünt. Die alten offenen steienernen Wasserkanäle sind nicht mehr in Betreib, statt deren hat man umgestellt auf Rohrleitungen aus Stahl und Kunststoff, die in waghalsiger Konstruktion scheinbar freischwebend den Bachläufen folgen. Nicht schön, aber effektiv.

An einigen total abgelegenen Weilern vorbei gelange ich schließlich auf das Sträßchen, das die restlichen fünf Kilometer ans Meer führt, eine Stunde weiterer Fußmarsch bis nach Santiago. Das dauert mir dann doch zu lange, schließlich ist schon nach 13h, die Fähre geht um 15.50h und ich will vor der Rückfahrt noch gemütlich Mittagessen und baden. Also schalte ich einen Gang höher und statt den Rest des Weges zu maschieren, falle ich einen gemütlichen Trab. Schließlich geht es leicht bergab, es weht ein kühles Lüftchen von vorn und die Sonne ist zu ertragen. Meinen morgendlichen Trainingslauf habe ich heute ja auch ausfallen lassen müssen. Und tatsächlich es geht: Mit Wanderschuhen, Pilgerstab und Rucksack trabe ich flott in Richtung Meer. In der Hälfte der Zeit bin ich da. Ja, subber, Baby - wer hätte das gedacht, auch noch eine sportive Einlage zur Krönung dieses Ausfluges.

Eigentlich wollte ich diese Tour ja per Mountain-Bike zurücklegen - wäre auch nett gewesen, immer nur downhill. aber mangels Teilnehmern musste Axel das Highlight "Bike und Boot" diese Woche ausfallen lassen. Also statt Bike und Boot gibt's heute "Hike und Boot" - auch recht. Das Boot? Das kam tatsächlich pünktlich kurz vor vier - eine Katamaranfähre des "Guarajonay-Exprés", der mich in 20 Minuten zurück nach Valle Gran Rey brachte. Und zum Mittagessen und Baden in Playa Santiago hat es auch noch gereicht.

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11.8. Die Bergtour: Im Frühtau zu Berge …

Wenn es heute keine organisierte Wandertour gibt, dann muss ich halt selber eine organisieren - "Jenne spezial", wie es vom Reisebüro nicht angeboten wird. Also, Wecker auf 6h Ortszeit gestellt und um 6:45h aus dem Haus, draußen ist es noch stockfinster. Mit dem Leihrad das erste Stück aus dem Ort bis hinauf nach La Calera. Von nun an geht's zu Fuß. Erst die Straße entlang bis zum Ortsanfang von El Guro.

Im ersten Morgengrauen dann auf den "Kirchenpfad", über "la Matanza" hinauf nach Chipude. Laut Wanderführer über 1.000 Höhenmeter bergauf, Gehzeit 4 1/2 Stunden. Wenn es gut läuft und ich beizeiten (also bevor es all zu heiß wird) oben bin, habe ich vor, noch den Aufstieg auf die "Fortaleza" dranzuhängen. Dann muss ich nur noch irgendwie nach "Las Hayas" kommen, um dort bei "Ifigenia" in der berühmten "Bar Montaña" zu Mittag zu essen, bevor der Bus um ca. 14.55h zurück ins Tal fährt. Soweit der Plan à la "Jenne-Spezial-Tour".

Die Tourbeschreibung entspricht den Tatsachen. Ein steiler Aufstieg am Rand des Berranquos (Schlucht) hinauf in Serpentinen auf einem schmalen Pfad. Nach ca. einer Stunde habe ich die erste Anhöhe geschafft und der Weg führt jetzt weit weniger steil in eine Nebental, kreuzt ein, zwei Mal trockene Bachbetten um sich schließlich die längste Zeit einem alten Wasserkanal folgend bis zum ende des Tals auf die Anhöhe von "El Cercado" hinaufzuziehen. Es war eine gute Idee, mit den Hühnern aufzusteigen - so komme ich den steilsten Teil des Weges noch im Schatten des Hanges hinauf, erst weiter oben wird es sonnig, aber auch hier noch nicht zu heiß.

Ich liege gut in der Zeit und wähle die Abzweigung nach Chipude, von dort kommt man hinauf auf die Fortaleza. Um 11h bin ich schließlich in Chipude, wo man den Dorfplatz bereits für die 4-tägige Fiesta vorbereitet, hier diese Woche stattfindet. Eine große Sache für die streng gläubige Bevölkerung, wie man hört. Da kommt das Inselvolk von nah und fern angefahren, um mitzumachen. Auf der nächsten Anhöhe nach dem Dorf steht sie dann vor mir, die "Festung", la Fortaleza ein alles überragender Vulkanschlot am Rande der tiefsten, längsten und breitesten Schlucht Gomeras. Man stelle sich einen Haufen Lava vor, der aus einem Schlot austritt, sich darauf aufhäuft und dort erkaltet. Dann ziehe man die durch Erosion abgetragene Erde rundherum ab - übrig bleibt der Deckel aus Basaltgestein (?), der in der Tat an die Form einer Bergfestung erinnert.

Eine gute halbe Stunde später beginnt die Kraxelei nach ganz oben. auf halbem Weg stoße ich mitten im Fels auf eine junge Forstbeamtin samt Hund, die hier offensichtlich aufpasst, dass sich lkeiner die Haxen bricht oder aber nach Waldbränden Ausschau halten soll. Ich erfahre es nicht, denn bevor mir einfällt, sie genauer zu befragen, bin ich schon ganz oben und die hübsche Rangerin ist verschwunden. Dafür der grandiose Rundum-Blick von 1.250 Metern Höhe und das gute Gefühl, es mal wieder geschafft zu haben.

Der Rest meines Planes geht allerdings nicht ganz auf, denn bis zu Ifigenia nach Las Hayas ist es zu Fuß zu weit, und Plan B - per Autostopp dorthin zu gelangen, entpuppt sich als aussichtslos, das kennt man hier offenbar nicht. Also dann in mittlerweile sengender Mittagssonne zurück nach Chipude und dort eingekehrt. Auch keine schlechte Alternative: ein kühles Bierchen auf schattiger Terrasse und ein leckeres Zicklein in Soße, gefolgt vom Gomerianischen National-Nachtisch "Leche asada" (der Franzose würde "Flan" dazu sagen) mit "Miel de Palma" (Dattelsirup) ist eine adäquate Belohnung für die heutige Anstrengung!

Zurück ins Valle geht's im Linienbus, der - Überraschung - von einer jungen Fahrerin über die kurvigen Sträßchen gelenkt wird. Voll die Emanzipation hier! Und auf der Rückfahrt durch den Lorbeerwald sehe ich dann auch zum ersten Mal tatsächlich ein paar Fetzen des typischen Passatnebels. Das Wetter dreht sich also, der heiße Wüstenwind scheint - wie angekündigt - auf dem Rückzug zu sein. Und keiner ist böse drüber.

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Sonntag, 10. August 2008

10.8. Ruhetag

Mit Mühe und Not heute Morgen knappe 6 km Laufpensum zusammengekratzt (und das auch noch mit Verschnauf- und Gehpausen). Nun, an Ausreden mangelt es nicht: zu spät aufgestanden, schon zu warm, die Biketour von gestern noch in den Beinen. Naja, es ist Sonntag, also lassen wir den Herrgott einen guten Mann sein und den Schweinehund ein wenig triumphieren. Soll er doch …

Angeblich sei heute Markt im Oberdorf, in La Calera. Aber da habe ich wohl etwas falsch verstanden. Weit und breit nix Markt, also ein bisschen rumgebummelt und Touri-Idylle fotografiert. Ist ja Sonntag und nix weiter geplant. Da La Calera am Hang liegt, reicht auch diese kleine Sightseeing-Tour für ein nassgeschwitztes Hemd.

Wenn schon kein Markt, dann wenigstens in einem "Supermerkado", sprich einem winzigen Tante-Emma-Lädchen, noch ein wenig Obst und Käse eingekauft. Obst gibt es hier reichlich, herrlich reif und süß (anders als bei Rewe und Edeka zu Hause): Orangen, einheimische Bananen, Pfirsiche (nicht rund, sondern merkwürdig flach gewachsen), Pflaumen, Birnen, Kaktusfrüchte und Mangos, rot, lila, orange - in allen Farben. Einen ganzen Rucksack voll für 5 Euro.

Der Abstecher zum Einkaufen bringt mich dann auch zum "Peluquiere de Caballeros", dem örtlichen Herrenfriseur, den ich bereits gesucht hatte - und welch ein Glück, er hat offen! So komme ich heute auch noch zu der bereits überfälligen Rasur, denn mein 10-Tagebart ist für die hiesigen Temperaturen eindeutig zuviel Pelz im Gesicht! Die Rasur von diesem alten Herren, in diesem einmaligen Etablissement ist ein echtes Highlight des Tages. Gucksdu hier:



Auf dem Rückweg ein Abstecher an den Hafen, um in der dortigen Fischerkneipe (noch "echt") den täglichen frisch gepressten Saft aus Gomerischen Orangen zu genießen. Als ich am Tresen stehe, kann ich dem Anblick der frischen Tapas nicht wiederstehen. Der Blick auf die Uhr - mittlerweile halb zwei - bestätigt mir, dass ich schon wieder Hunger haben darf. Also ein lecker Tellerchen marinierter "Pulpo" (Tintenfischstückchen mit Paprika, Zitrone und Zwiebeln), mmmh.

Erst mal genug geschafft für heute, schließlich ist ja noch der heutige "Blog-Post" zu schreiben und eine Tour für Morgen zu organisieren. Mit einer dt. Tageszeitung von vorgestern und einigen Postkarten (also doch!) geht es zurück zur Siesta, denn jetzt ist mal wieder Zeit für ein Nachmittagsnickerchen.

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9.8. Biketour: Downhill im Weinberg

Stand Sommer 2008 gibt es zwei Anbieter von Mountainbike-Touren in Valle Gran Rey (zumindest soviel ich weiß): die "Bike Station Gomera" an der Avenida Maritima im Ortsteil "La Puntilla" und Axels "Bikers Inn" in der Calle San Miguel im Hafenviertel "La Vueltas".

Ich habe mich für die Einsteiger-Tour "Casa Forestal" bei Axel entschieden - und nicht bereut! In einer Minigruppe (Dorothea aus Hamm, das Frankfurter Urgestein Axel und meine Wenigkeit) geht es rund um die "Laguna Grande" (einen ehemaligen Kratersee) und den Gipfel "Guarajanay" durch den Nationalpark, über Chipude und das Töpferdorf El Cercado, dann durch die Reben nach Arure. Vor dort folgt die Talabfahrt ins 850 Meter tiefer gelegene Valle Gran Rey.

Hinauf in die Berge bringt uns am Vormittag das Taxi - ist ja eine Einsteigertour. Aber auch für hartgesottene Profi-Biker ist der Anstieg auf der steilen kurvigen Bergstraße eine echte Quälerei, deshalb sieht man nur ganz wenige, die sich das in praller Sonne antun. Also ohne schlechtes Gewissen die erste Etappe gemütlich auf vier motorisierten Rädern zurückgelegt. Am Einstiegspunkt in den Park angekommen, werden wir sogleich von einer Armada Reisebussen umzingelt, die die Tagestouristen aus Teneriffa für einen kurzen Spaziergang durch den Nationalpark ausspucken. Nichts wie weg hier!

Die nächsten Stunden geht es über abwechslungsreiche Pisten und Sraßen, Waldwege und Single-Trails mit moderaten, nur wenigen kurzen steilen Anstiegen und immer wieder erfrischenden Abfahrten durch den Wald und über die Höhen. Einige Wege sind recht steinig und holprig, dem Material wird nichts geschenkt. (Die paar Euro Aufpreis für ein "fully Supension" wären hier kein Luxus gewesen.)

Kaum zu glauben in dieser trockenen Einöde: Plötzlich fahren wir durch grüne Hügel voller Reben. Hier wächst seit einigen Jahren wieder Wein, nach dem der Anbau lange Zeit vernachlässigt wurde. Sonne ist ja genug vorhanden, um hier einen guten Tropfen hervor zu bringen - allein, es fehlt wohl noch etwas am Knowhow zum Ausbau des Weins, das über die Jahre in Vergessenheit geraten ist. Ein Knowhow-Transfer durch einen externen Kellermeister wäre angebracht, meint Axel. Also Ihr Markgräfler Winzer, wäre das nicht eine Herausforderung?

In El Cercado endlich der wohlverdiente, obligatorische Einkehrschwung in die "Bar Maria", die urige ursprüngliche Dorfkneipe, kühl und ruhig und allein durch ihre zahlreichen skurrilen Sammelobjekten an allen Wänden einen Besuch wert. Man spürt schon beim Betreten: Hier gehen die Uhren um einiges langsamer als im Tal. Ein Muss für alle die hier vorbeikommen.

Axel entpuppt sich während der Rast bei einem alkoholfreien "Dorada Sin" als echtes Unikum mit Humor und Sachverstand, der so manche interessante Story über die Insel und seine Bewohner - Einheimische wie Zugereiste - zu erzählen weiß. So könnte man noch ein Weilchen sitzenbleiben und plaudern, aber auf uns wartet noch das letzte Stück Höhenweg nach Arure und die anschließende Talabfahrt, wo wir es so richtig krachen lassen. Die "Schinderei" soll sich ja gelohnt haben.

Zum Abschluss noch ein Bierchen in der legendären "Casa Maria" in La Playa. Insgesamt gut 500 Höhenmeter bergauf und noch Mal 1.250 bergab - ein weiterer gelungener Tag auf Gomera: richtig was geschafft, viel gesehen, Spaß gehabt und ordentlich rumgekommen. Salud!

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Samstag, 9. August 2008

8.8. Aufs Meer! Schweinswale vor der Schweinebucht

Es gibt solche und solche - wie überall. Die einen Solchen, friedensbewegte Gutmenschen leisten Ihren Tribut zur Rettung der Welt, indem sie in kleinen offenen Fischerbooten zum "Whalewatching" rausfahren, Vier Stunden in einer offenen Berkasse unter der prallen Sonne aushaltend, das Abenteuer und das gute Gefühl genießend, sich gleichsam als friedliebende Botschafter der ansonsten bösen Spezies Mensch ökologisch korrekt den heiligen Meeressäugern zu nähern, um dort ihre Absolution für die kleinen Restsünden ihres ansonsten umweltbewussten Lebens abzuholen.

Die anderen Solchen bevorzugen etwas mehr Komfort, ein schattiges Plätzchen unter dem Sonnendeck eines Ausflugsschiffes und die Bewirtung mit einem ausgiebigen Mittagessen an Bord (frisch gegrillter Thunfisch, Salatbüffet inkl. Sangria, Wein, Wasser und anschließendem Kaffee). Sie fahren zu den gleichen Plätzen vor der Küste, sehen die selben Delfine und Wale - und das vermutlich deutlich besser vom Sonnendeck des Schiffes als quasi auf Wasserhöhe wie ihre ökologisch korrekten Brüder und Schwestern. Statt gutes Gewissens gibt es anschließend noch Badespaß in einer ruhigen Bucht und
das gute Gefühl einen schönen Tag auf dem Meer genossen zu haben.

Wer mich kennt, wird wissen, welcher Variante ich den Vorzug gegeben habe. Wäre ich 30 Jahre jünger, hätte mich ohne Frage für das Fischerboot entschieden. Ich denke, so gibt es für jede Klientel das passende Angebot und solange man persönliche Vorlieben nicht mit der allein seelig machenden Wahrheit verwechselt, können beide Varianten auch gut nebeneinander existieren. Und ob die Anfahrt mit einem größeren Boot den Walen und Delfinen mehr oder weniger schadet (wenn überhaupt), bin ich nicht in der Lage zu beurteilen. Wenngleich die Behauptung, das Ausflugsboot würde sich nur auf eine gehörige Entfernung den Tieren nähern und dann die Maschinen stoppen (wie das von der Reiseleiterin, die diese Tour empfohlen hatte, ein kritischen Nachfragerin versicherte), sich als glatt an den Haaren herbeigezogen erwies! Stattdessen - immerhin mit kleiner Fahrt - mittenrein und den gesichteten Delfinen und Walen immer hinterher.

Allerdings - auch das Fischerboot mit den anderen Whalewatchern habe ich nicht rudern sehen ...

Es gibt halt solche und solche - auch an Land: Die Einen bevorzugen Hotel und Swimmingpool, die anderen das Campieren unterm Himmelzelt bzw. in den Höhlen der berühmten "Schweinebucht". Da wo der gomerianische Tourismus angeblich seinen Anfang nahm. Mit einem Haufen Hippies, die sich in den 70ern außerhalb von Valle Gran Rey in besagter Bucht und den dort vorhanden Höhlen häuslich nieder gelassen haben. Es gibt sie noch, die Schweinebucht und auch die genügsamen langhaarigen "Ruinas, wie sie der Einheimische ohne falsche Romantik nennt, sind dort vereinzelt noch anzutreffen, wie man auf der Rückfahrt vom Schiff aus sehen konnte. Schön eigentlich, und für Gomera irgendwie stimmig, dass auch diese "alte Tradition" vom modernen "Qualitätstourismus", der sich mehr und mehr zu verbreiten scheint, noch nicht (ganz) verdrängt worden ist. Auch hier gilt: vor 30 Jahren wäre auch ich sicher dabei gewesen :-)


Dass der Spapat zwischen solchem und solchem nicht ganz einfach ist, konnte ich im "Tropischen Fruchtgarten Argaga" erleben. Einer kleinen botanischen Oase, zu der man am Ende des Weges hinter dem "Vueltas"-Strand gelangt. Dort haben sich deutsche Aussteiger mit viel Arbeit einen üppigen Garten voller exotischer Obstbäume und -Sträucher geschaffen, in den sie sich - ziemlich weit weg vom Rest der Welt zurück gezogen haben. Um den im Laufe der Zeit ansteigenden Besucheranfragen nach Besichtigungsmöglichkeit des Gartens (und sicher auch dem Bedürfnis nach einer regelmäßigen Einkommensquelle) nachzukommen, gibt es mittlerweile zwei Mal wöchentliche Führungen samt Verkostung der dort wachsenden Früchte.

Mehr als deutlich drängte sich - nicht nur mir - der Eindruck auf, dass die Eigentümerin sich schon sehr überwinden muss, ihre weltabgeschieden Exklave den touristischen Eindringlingen zu öffnen. Selten habe ich mich mehr als unwillkommener Störenfried gefühlt als hier. Und das, obwohl die sehr fachkompetente Führerin sich mehr als bemühte, einen gastfreundlichen Eindruck zu machen. Allein, das Bemühen sprach Bände! Denn die eigentliche Botschaft an die Besucher - "eigentlich habt hier nichts zu suchen" - war aus Gesten und Habitus der alten Dame nicht zu überhören. Vielleicht hatte sie auch nur einen schlechten Tag. Aber vielleicht ist es auch nicht einfach, sich offen auf fremde Menschen einzulassen, wenn man sich schon zu lange vor dieser Welt zurückgezogen hat und ganz offensichtlich auch nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Wie gesagt, es gibt solche und solche - und die Gräben dazwischen können tief sein. Nicht nur beim Walebeobachten.

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Donnerstag, 7. August 2008

7.8. Ruhetag

Müßiggang ist aller Laster Anfang! Heute keine Pläne, keine Termine, keine Unternehmungen - und schon total "abgeluhst": Zum ersten Mal seit Beginn meines Lauftraings vor gut fünf Wochen habe ich meinen morgendlichen 8-Kilometerlauf ausfallen lassen. Ohne Grund und Anlass, einfach der Faulheit nachgegeben. So fängt's an und - wo wird das enden? Schließlich wartet am 31. August das 10-Kilometer- Human-Race in München auch mich. Und ich bin noch längst nicht fit genug, dort mit einer halbwegs unblamablen Zeit abzuschneiden. Die Zeit hier auf der Insel ist dringend nötig, um laut Trainingsplan die nötigen Strecken- und Tempoläufe zu absolvieren, um bis dahin diese - für mich erstmalig bevorstehende - Strecke als Wettbewerb zu bewältigen. Oh wei!

Statt dessen habe ich mir ein paar Ausgaben des "Valle-Boten" besorgt und den Tag mit einigen kleineren Besorgungen und ansonsten lesend am Pool zugebracht. "Du bst ja schließlich im Urlaub" versuchte mich der innere Schweinehund zu beruhigen. Von wegen Erholung - wo kommen wir denn da hin? Deshalb beim "Bikers Inn" für Samstag gleich die Mountain-Bike-Tour "Casa Forestal" gebucht! Strafe muss sein, und wenn schon schwitzen, dann richtig! und für morgen früh den Wecker auf 7h gestellt und dann wieder die große Runde zum "Playa del Inglès" und zurück zum "Playa de Vueltas" gelaufen, sonst kann ich's gleich bleiben lassen.

Trotzdem gut amüsiert heute mit dem Valle-Boten, dem "ultimativen Insel-Magazin" in deutscher Sprache, "unabhängig - überparteilich - abgedreht", das seit bald 20 Jahren "je nach bock- und Wetterlage" etwa alle drei Monate über skuriles, wichtiges und unwichtiges rund um die kolonie deutscher Aussteiger im Valle Gran Rey berichtet. Herzerfrischend pointiert und durchaus selbstkritisch werden die Althippies und die Neusiedler aus "der Kalten Heimat" aufs Korn genommen. Hier zeigt sich dem geneigten Leser das wahre Gesicht hinter der Fassade der Glücklichen Insel, mit all den Träumen und Illusionen, die im Laufe der Jahre von der Realität zurecht gestutzt werden, aber noch immer die Seele dieses Ortes ausmachen, deren zugezogene Bewohner im tiefsten Inneren von dem Glauben an ein anders Leben genährt werden als dem, Teil des "Rattenrennens" zu sein, in dem "the rest of us" gefangen sind.

6.8. Geführte Wandertour: Liebesdrama im Horizontalregen

Um 9h geht's los vor dem Restaurant "Charco del Conde". Gerechnet hatte ich mit einer Handvoll Unentwegter Wandersleut' - gekommen ist ein ganzer Reisebus voll, besetzt bis auf den letzten Platz. Neben der teutonischen Fraktion auch eine ganze Reihe Engländer, zwei Holländerinnen und vereinzelte andere Nationaltäten. Verteilt auf vier Führer geht es auf eine ca. vierstündige Tour in den Nationalpark "Garajonay" im Zentrum der Insel, also oben in den Bergen.

Gleich zu Anfang der Aufstieg auf den höchsten Gipfel Gomeras, den "Garajonay", dem der Nationalpark seinen Namen verdankt. Und dieser Name wiederum - jedem illustren Plätzchen seine Legende - stammt von einem Liebespaar ab, das sich in grauer Vorzeit hier in einer letzten Umarmung gemeinsam das Leben genommen haben soll (in dem sie einen beidseitig zugespitzen Ast, auf ihrer beider Herzen gerichtet, in ihre Umarmung miteinbezogen haben). Ihre Liebe zu dem von der Nachbarinsel herübergekommenen "Gara" wurde nämlich von der auf Sippenreinheit bedachten Familie der jungen hübschen "Najay" nämlich nicht geduldet - also irgendwie Romeo und Julia auf gomerianisch.

Vom Gipfel abwärts ging es dann in die viel gerühmten Lorbeerwälder des Inselinneren, unter sachkundigen Erklärungen unserer Führerin Brigitta, im Hauptberuf Besitzerin des Restaurants "El Fuego" im Ortsteil Borbalán von valle Gran Rey. "El Fuego" (das Feuer) deshalb, weil eine ihrer Spezialitäten - na? - Flammkuchen sind, eine Spezialität ihrer deutschen Heimat, und wo könte das sein? Natürlich im Badischen, genauer in der Ortenau. Kleine Welt, mal wieder.

Dank Brigittas ausgezeichneter botanischer Kenntnisse konnte man so einiges über die heimische Pflanzenwelt erfahren, über Flechten, Baumheide, Lorbeerbäume und viele andere Pflanzen - z. B. dass es über 40 Sorten gibt, d ie nur auf Gomera existieren, über den raffinierten Wasserhaushalt vieler Sukkulenten (fleischige wasserspeichernde Arten) und die Tatsache, dass fast die Hälfte des Wassers auf der Insel von den Gomerakiefern mit ihren bis zu 15 cm langen Nadeln förmlich aus den Passatwolken herausgekämmt wird. Daher der Begriff "Horizontalregen". Richtig spannend, was die Natur da wieder mal zu Wege gebracht hat, um sich auch unter widrigen Bedingungen mit dem Nötigsten zu versorgen.

Meine "Mars-Theorie" (kein Oberflächenwasser, alles unterirdisch) wurde in der Tat bestätigt, gibt es doch wirklich nur ganz wenige wasserführende Bäche auf der Insel; einen davon bekamen wir auch am tiefsten Punkt unserer Tour zu sehen und schon fühlte man sich in Mitten der Bäume und Farne dank des Plätschern des kühlen Nasses dem heimischen Schwarzwald ganz nahe.

Sogar zum Auffüllen der Trinkflaschen war Gelegenheit - an einer mitten im Wald liegenden Kapelle, der "Hermita de Nuestra Señora de Lourdes" hat sich irgendwann ein Spaßvogel erlaubt, eine Wasserleitung in einen Baum zu verlegen, aus dem nun kühles klares Quellwasser rinnt. (Das "Kein-Trinkwasser"-Schild am Baum habe nur rechtliche Bedeutung, da die Quelle nicht kontrolliert werde - alles glauben wir es mal und lassen uns zu dem erfrischenden Schluck aus dem Baumstamm verleiten.)

Alles in Allem ein gelungener Einstig ins "Wanderparadies" la Gomera, schöne Aussichten, interessante Einsichten, und das Alles im Schatten und der relativen Kühle des Waldes. Relativ kühl deshalb, weil dieser Tage der berüchtige "Calima", ein heißer Wüstenwind von afrikanischen Kontinent auch in dieser sonst eher kühleren Bergregion die Temperaturen auf über 30 Grad ansteigen lässt - im Schatten natürlich. Den Nebelwald als solchen (im Nebel des Passatwindes also) kann man in den Sommermonaten sowieso nicht erleben, lerne ich heute. Prima, also wieder mal voll daneben gelangt in der Urlaubsplanung. Macht man halt das Beste daraus. Und zur Hauptreisezeit November, Dezember, sei die Insel sowieso total überlaufen, heißt es. Wobei, schwer zu sagen, was "total überlaufen" hier bedeutet - denn der richtig "harte" Tourismus, wie man das hier nennt, habe auf Gomera noch nicht so richtig Einzug gehalten (anders als auf Teneriffa, Gran Canaria und Co.).

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