
Pünktlich um 8h on the road, dem ausgetrockneten Flussbett entlang immer bergwärts. Und siehe da: Vegetation! Grün! Leben! Kaum zu fassen, aber je weiter man im Talgrund aufsteigt, desto üppiger wächst und gedeiht es: Schilfrohr übermannshoch, die ersten Dattelpalmen, dann die ersten Gärten von Casa del Seda. Bananenpflanzungen, dichte, üppige Haine. Dazwischen Mango- und Avocadobäume und Büsche mit prachtvollen Blüten, gelbweiß, blau, rot - wenn ich nur wüsste, wie die heißen. (Der Wanderführer spricht von Aloe vera, Kandelaber-Wolfsmilch, Tabaiba und anderen geheimnisvollen Pflanzen.) Das ist doch gleich was ganz anderes als die kahlen Hänge ringsum.
Zwischen den Feldern (oder besser Beeten?) ziehen sich endlose Bewässerungsgräben und -rohre, die die Pflanzungen mit dem nötigen Wasser versorgen. Wo das Wasser nur herkommt? Flüsse und Bäche sind hoffnungslos ausgetrocknet. Anscheinend hat dieser Landstrich etwas mit dem Mars gemeinsam, wo auch kein Wasser auf der Oberfläche existiert, dafür unter dem Boden. Zu sehen ist nichts, aber überall gluckert und rauscht es im Unterholz. Das lässt hoffen, denn eigentlich hatte ich damit gerechnet, den vielgepriesenen Wasserfall zu dieser Jahreszeit ausgetrocknet vorzufinden. "Vamos a ver!"Auch ohne Wanderführer finde ich den Beginn des Weges zum Salto de Agua. Das ist auch gut so, denn die dort gemachten eher vagen Beschreibungen wie "an einer niedrigen Palme mit auffallend tiefhängenden Palmwedeln, unter denen man hindurchschlüpft" sind nicht wirklich vertrauenserwckend (obwohl sich später alle Angeben als genau recherchiert und durchaus hilfreich erweisen). Aber auch ohne Führer ist der Weg nicht zu verfehlen: zum Einen geht es einfach immer dem Bachlauf entlang aufwärts, der sich auch zunehmend Wasser führt. Zum anderen hat man sich die Mühe gemacht, weiße Markierungen, Punkte und Pfeile auf die Felsbrocken zu malen, so dass sich auch der letzte Touri-Blindgänger nicht verlaufen kann.
Welch ein unterschied zur kahlen Küste! Hier bewegt man sich im dichtesten Unterholz (vorwiegend Schilfrohr - oder ist das Bambus?) und kommt sich vor wie eine Laus im Schamhaar von Mutter Erde. Oder wie eine Mikrobe in den Furchen der Haut, da wo ein letzter dauerhafter Rest von Feuchtigkeit Leben ermöglicht, während es an den exponierten Stellen (in diesem Fall den Hängen oberhalb der Schlucht unwirtlich und lebensfeindlich zugeht. Ist das der tiefere Sinn hinter den aktuell heiß diskutierten "Feuchtgebieten"?
Gut eineinhalb Stunden nach Aufbruch bin ich am Ziel der Wanderung, dem Wasserfall. Anderen Wanderen bin ich bisher nicht begegnet , doch Vögel, Eidechsen, Libellen und Mücken gab es zu reichlich zu hören und zu sehen. Aber was bzw. wer mich am Wasserfall erwartete, hat mich doch verblüfft: eine Katze kommt da plötzlich aus dem Unterholz und setzt sich auf einem Stein in Wartungsstellung, bis ich mein Vesper auspacke. Sie weiß genau, was abgeht, wenn hier Wanderer auftauchen.Und genau wie meine Katze Anna zu Hause hält sie sich erst mal auf Distanz. Auch als ich meinen Rucksack ablege, macht sie noch keine großen Anstalten, um Fressi-Fressi zu betteln - offensichtlich kennt sie das Ritual der Zweibeiner, sich erstmal eine erfrischende Dusche unter dem Wasserfall zu gönnen, bevor es ans Mitgebrachte geht. Und da macha auch ich keine Ausnahme, der Weg soll sich ja gelohnt haben, zumal der Wasserfall entgegen meinen ersten Bedenken auch jetzt im Hochsommer seinem Namen Ehre macht.
Und tatsächlich, als ich mich nach dem Abtrocknen beginne, mich dem Inhalt m eines Rucksacks zu widmen, ist das Tier nicht mehr zu halten und schnurrt und streicht um meine Beine - ganz wie meine Anna daheim. Aber was mich am meisten irritiert, ist, dass diese Katze - wild im Wald lebend und tausende Kilometer von Merzhausen entfernt - der meinigen so sehr ähnelt, dass die beiden Schwestern sein könnten! An so einem magischen Fleck wie diesem braucht es dann auch keine esoterischen Unterbau, um uns Menschen verborgenen Zusammenhänge herzustellen, die doch nur dem Zufall geschuldet sind. Oder?Meine esoterischen Grundbedürfnisse, so welche bei mir existierten, hätte ich auf dem Rückweg im Dorf "El Guro" bestens bedienen können. Sind sie etwa hier abgeblieben, die Hippies, die la Gomera in den Siebzigern entdeckt und als Austiegsziel gewählt haben? Man möchte es meinen, gibt es doch kaum ein Haus in diesem idyllisch etwas abseits am Berg gelegenen "Künstlerdorf", an dem nicht allerlei Waren und Dienstleistungen für den zivilisationsgeschädigten Menschen unserer Zeit angeboten würden - von Schmuck mit geheimnisvollen Kräften über CDs mit tantrischer Musik "for soft bodywork" bis zu Entspannungsmassagen, "Energiearbeit" und psychologischer Beratung. Aber immerhin, ein sehr schönes Plätzchen mit lauter (mehr oder weniger gelungen) hergerichteten Häusern - von denen auch welche zu verkaufen sind ...
Ja, und auf dem Rückweg begegnen mir dann doch andere Wanderer und Wanderinnen. Die alle keine Beratung bei Christina genossen oder diese ignoriert haben. In praller Mittagshitze und ohne Hut - der Sonnenstich lässt grüßen. Es hat doch Vorteile, ein wenig dem gesunden Menschenverstand zu folgen und nicht ganz berstungsresistent zu sein, sage ich mir und genieße in einer schattigen Bar in "La Escala" einen frisch gepressten Orangensaft und ein leckeres "Boccadillo" mit Tomaten und Avocado. Und dann heim zum Mittagsschläfchen. "Das Tagwerk ist vollbracht, jetzt bin ich rechtschaffen müde" - wie es schon bei den Gebrüdern Grimm heißt. Die viel beschworene Magie la Gomeras hat sich mir heute schon ein wenig offenbart, das lässt hoffen auf mehr ..Mehr Fotos hier >>
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